Alle Wasser laufen ins Meer

Der Roman über die große, tragische Liebesgeschichte des Expressionismus

Der Roman erschien im Frühjahr 2009 im Verlag Klett-Cotta

 

Es war kühl in Gretes Kammer. Es roch nach Krankheit und Chloroform, nicht mehr nach frischer Farbe wie zuletzt. Frisch getünchte Wände, ein hellblauer Schimmer überall. In einem Korb in der Ecke steckten blutige Laken.
Als Georg eintrat, lag Grete im Bett, leicht aufgerichtet, ein Kissen unter sich. Sie las in einem Buch mit schwarzem Umschlag.
»Georg!«, sagte sie mit leiser Stimme. Sie legte das Buch beiseite. Sie wischte sich mit der Hand über das Gesicht. »Ich bin in Berlin eine richtige Heulsuse geworden, verzeih.«
Georg stellte den Koffer ab und setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Er fuhr ihr durchs Haar, das jemand abgeschnitten hatte, es war nur noch schulterlang. Grete war abgemagert, ihre Wangenknochen zeichneten sich deutlich ab, die Haut war faltig und blass, wie aus Pergament. Ihre Augen waren rot, schmale Striche. Georg wusste nicht, was er sagen sollte, es kam ihm alles albern vor.
»Ich weiß schon«, sagte sie nach einer langen Pause. Sie lächelte gequält. »Aber es geht schon besser. Denk dir, gestern habe ich zum ersten Mal wieder gegessen. Ines, das ist meine beste Freundin hier, hat mich gefüttert, und ich habe es nicht ausgespien. Nach so vielen Tagen. Und schau, morgen werden die Laken abtransportiert, und dann bin ich langsam wieder die Alte. Und ich kann so tun, als wäre nichts passiert.«
»Es ist aber etwas passiert, Gretl.«
»Sicher, sicher. Aber du hast damit nichts zu schaffen, Georg. Und ich bin eine Meisterin darin, unliebsame Dinge zu vergessen. Schau mal hier …« Sie beugte sich langsam vor und deutete auf eine Schachtel, die auf einem Beistelltisch neben dem Bett lag. »Meine Apotheke! Es ist alles da, um mich bald wieder zu einem tapferen kleinen Wesen zu machen. Alles da.«
Das Wort »Apotheke« schien Georg zu treffen. Er zuckte leicht, dann hielt er sich die rechte Hand vor die Augen.
»Aber Georg, was ist denn mit dir? Du bist doch gekommen, um mir zu helfen. Und jetzt ist es schon wieder umgekehrt.«
»Entschuldige, Grete«, sagte er. Er fasste sich.
»Willst du etwas essen?«


»Ja, Brüderchen. Da drüben auf dem Tisch findest du
etwas Brot und Wasser.«
Georg stand auf und holte das Brot, er tunkte eine
Scheibe in die Flüssigkeit, damit es für Grete leichter zu essen war. Sie brauchte trotzdem eine Ewigkeit, um das Stück zu kauen. Sie trank ein Glas Wasser, dann sah sie Georg in die Augen.
»Der Frühling, ich kann es gar nicht fassen. Das Leben er- wacht und …« Sie stockte. Sie verzog das Gesicht. »Die Schmerzen, das ist das Schlimmste. Jetzt wäre es Zeit für ein wenig Chloroform, denke ich. Zum Nachtisch, sozusagen.«
Georg ging zu ihrer Apotheke, holte eine kleine Flasche heraus und träufelte einige Tropfen der Substanz auf ein Taschentuch. Seine Hände zitterten.
»Das Leben erwacht«, sagte sie, sie schien den Gedanken von vorhin wieder aufzunehmen. »Und manchmal fühle ich mich wie eine Königin, Georg.«
»Ich verstehe nicht.« Er verschloss die Chloroformflasche und stellte sie in den Kasten zurück.
»Ich fühle mich, als würde ein Krieg um mich toben. All das Blut, weißt du. Und jetzt kommen die Helden, um mich zu befreien. Und manchmal glaube ich, dass ich es sogar wert bin. Ja, Georg. Warum sollte ein einzelner Mensch es nicht wert sein, dass seinetwegen ein Krieg ent- facht wird?«
Georg reichte ihr das mit Chloroform getränkte Tuch, sie drückte es sich leicht auf die Nase. Grete wurde nun fast übermütig. Sie lachte, hustete.
»Und einer der Helden bist natürlich du, Georg. Das bist du immer gewesen.«
»Jetzt ruh dich aus, Grete.« Er nahm ihre Hand, sie war leblos, kalt.
»Aber das, weswegen du gekommen bist, das gibt es nicht mehr, Schorschl. Das habe ich hergegeben. Es ist eigentlich der Krieg um einen Schatten.«

Ihr Kopf sank zurück in das Kissen. Sie lachte noch einmal kurz auf. Dann schlief sie ein.

Die Geschichte

Klett-Cotta | Hardcover mit Schutzumschlag

239 Seiten | vergriffen (gebraucht erhältlich zum Beispiel über ZVAB) 

Die obsessive Beziehung des Dichters Georg Trakl zu seiner Schwester Grete und deren unerwiderte Liebe zu Georgs bestem Freund Erhard bildet eine der spektakulären »ménages à trois« des 20. Jahrhunderts.
Martin Beyer hat einen Roman über eine große Tragödie der Literaturgeschichte geschrieben und lässt ein Leben zwischen Verzweiflung und Lust literarisch auferstehen.
Martin Beyer erzählt von der obsessiven Beziehung des Dichters Georg Trakl zu seiner Schwester Grete und beschreibt die schöpferische Raserei und Leidenschaft junger Künstler in all ihrer Zeitlosigkeit.

Sehnsucht, Besessenheit, Dekadenz – Berlin, Wien, Salzburg – Martin Beyer lässt die Boheme des 20. Jahrhunderts lebendig werden. Er erzählt von einer großen Tragödie der Literaturgeschichte und lässt ein Leben zwischen Verzweiflung und Lust literarisch auferstehen.

Den jungen Dichter Georg Trakl und dessen Schwester, die Pianistin Grete, verbindet eine Zuneigung, die nicht bloß platonisch ist. Doch Grete schwärmt zugleich für Georgs schüchternen Dichterfreund Erhard Buschbeck. Während der Salzburger Kaufmannsfamilie der Niedergang droht, begeben sich die drei auf die Suche nach künstlerischer Erfüllung. Und obwohl sich ihre Wege trennen, bleiben sie einander innig verbunden.

»Martin Beyer erzählt diese Skandalgeschichte über verbotene Lust und Verzweiflung als tragischen Kreislauf, aus dem es kein Entrinnen gibt, als eine fatale Verkettung aus Liebeswünschen, Existenzangst, Drogenexzessen und Depression. Es ist quasi ein umgekehrter Bildungsroman, der hellsichtig den Weg der Helden in den Verfall nachzeichnet.«

  • Deutschlandfunk Kultur