Wortglauber

Martin Beyer

Kurz und klassisch:  

Martin Beyer, geboren 1976, lebt nach dem Studium der Germanistik samt Promotion als freier Schriftsteller und Dozent in Bamberg. Wenn er nicht an seinen Büchern arbeitet oder daraus liest, unterrichtet er Prosa im Studiengang Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus an der Akademie Faber-Castell. Schülerinnen und Schülern hilft er, ihre Geschichten zu finden und aufzuschreiben; oder er versucht sie davon zu überzeugen, dass Poesie etwas ziemlich Großartiges und gar nicht anstrengend oder schwer zu erschließen ist.  

Wie man mit der Kraft des Erzählens guten Ideen und Vorhaben dazu verhilft, wahrgenommen zu werden, ist ein weiterer Schwerpunkt seiner Vermittlungstätigkeit, er nennt das Konzept StoryThinking und ist damit vor allem in Stiftungen und gemeinnützigen Organisationen tätig. Zusammen mit Nora Gomringer moderiert er regelmäßig die Talk-Show Villa Wild im ETA Hoffmann Theater in Bamberg. Er ist Juror des Literaturwettbewerbs für Kinder und Jugendliche Ohne Punkt und Komma. 

Zuletzt erschien sein Roman Und ich war da bei Ullstein, ein neues Kinderbuch und ein neuer Roman sind in Arbeit. 

Preise und Stipendien:  

2009 Walter-Kempowski-Literaturpreis 

2011 Kulturpreis der Stadt Bamberg 

2012 Spreewald-Literaturstipendium 

2013 Kunstförderpreis des Landes Bayern in der Sparte Literatur  

2016 Künstler des Monats der Europäischen Metropolregion Nürnberg 

2019 Kunststipendium der Stadt Bamberg  

2019 Finalist beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 

Ausschweifend und persönlich:  

Dr. Schiwago. So nannten wir immer den Bösewicht, als wir, meine Freunde und ich, mit Holzschwertern bewaffnet zum Schicksalsberg oder durch den wilden Wald gestürmt sind. Den Namen hatte ich im Bücherregal meiner Großmutter entdeckt, ohne zu wissen, worum es in dem Buch ging; ich habe es bis heute nicht gelesen (und sollte es vermutlich auch nicht tun, um den Mythos nicht zu gefährden). Dr. Schiwago konnte jeden Tag in einer anderen Gestalt auftreten, und auch wir änderten jeden Tag unsere Heldenfiguren, das Setting, den Spannungsbogen; wir zofften uns, wer der Anführer sein darf und wer Dr. Schiwago diesmal in die Schranken weisen würde. Denn auch wenn es immer ziemlich knapp war, wir sind mit einem Happy End davongekommen.  

Wie erzählten uns keine Geschichten, wir spielten sie, wir lebten sie, denn für uns fühlte sich das alles in diesen Augenblicken echt an, und an manche dieser Augenblicke kann ich mich heute so gut erinnern, als wäre es gestern gewesen. Warum das so ist, warum Geschichten eine solche Kraft entfalten, warum unser Gehirn Geschichten liebt, das habe ich dann später versucht herauszufinden; und heute habe ich sogar die Möglichkeit, das Gefundene in Seminaren und Workshops weiterzugeben. Danke, Dr. Schiwago, das hätte ich nie gedacht. 

Aber zurück zu meiner Kindheit: Irgendwann war es dann nicht mehr opportun, sich mit Holzschwertern zu bewaffnen und durch Wälder zu rennen; ich musste mir etwas anderes suchen, um meine Freude an und meine Lust auf Geschichten auszuleben. Es dauerte, bis ich ein geduldiger Leser wurde und mich ganz auf die Gedankenwelten anderer einlassen konnte. Es kam jedoch der Zeitpunkt, an dem mir das nicht mehr reichte, und ich fing wieder an, selbst zu finden und zu erfinden. Fing an, das aufzuschreiben, so mühsam und seltsam das in meinem Alter war: Ich war mittlerweile ein ziemlich stiller Teenager geworden, jeanshemdig und wollwestig, mit Paul McCartney auf dem long and winding road der Uncoolness, und nur auf dem Fußballplatz wagte ich ein wenig mehr Lärm und Konfrontation.  

Jedenfalls wurde eine längere Erzählung fertig, mit dem Nadeldrucker ins Papier gestanzt und an den Alkyon Verlag geschickt. Auf diesen Verlag bin ich gestoßen, weil ein russischer Lyriker, Wjatscheslaw Kuprijanow, an unsere Schule gekommen war, Gedichte gelesen und Verlagsprogramme verteilt hatte. Rudolf Stirn, der Verleger, rief mich ein paar Wochen später an und wollte ein Buch aus der Geschichte machen. Ich war achtzehn, es war eine unglaublich beflügelnde Erfahrung. Mit dem ICE durfte ich zu meiner ersten Lesung nach Stuttgart fahren, ich las zusammen mit Imre Török, der meine monströse Nervosität erstaunlich gelassen ertrug. Ein Artikel in der Frankfurter Rundschau, 200 verkaufte Exemplare (ich dachte, ich sei damit fast schon auf der Bestsellerliste), und ich wusste, ich will das weitermachen und werde das weitermachen. 

Und habe weitergemacht, vermutlich mit einem Großteil der Höhen und Tiefen, die Du als Autor durchleben kannst. Ich weiß jetzt, wie sich ein Verriss anfühlt, wie man mit Absagen die Wand tapeziert, wie man in Klagenfurt beim Ingeborg-Bachmann-Preis vor laufender Kamera von einem Juror gesagt bekommt, der eigene Text sei obszön (eine lange Geschichte …); aber es kamen immer, meistens zum richtigen Zeitpunkt, Lob, eine Förderung, sogar ein Preis – eine Tür, wo vorher keine war. 

Nicht jedes Vorhaben ließ sich realisieren. So habe ich nach Alle Wasser laufen ins Meer (Klett-Cotta, 2009) lange an einem Roman gearbeitet, den niemand so recht haben wollte, und es dauerte also stolze zehn Jahre, bis 2019 mit Und ich war da ein weiterer Roman erscheinen konnte (davon wiederum fünf Jahre Arbeitszeit). Davor, dazwischen und danach aber Anderes und sehr viel Schönes: die Mörderballaden bei asphalt&anders mit dem unerwarteten Effekt, dass aus Verlegern Freunde werden. Mit dem Kinderbuch Titus und der verwunschene Wald entstand die Märchenakademie und damit die regelmäßige Arbeit mit Kindern; und ich hätte wirklich nie gedacht, dass ich einmal mit einem Schneewittchenrap auftreten werde. 

Mit Nora Gomringer die Sammelarbeit für die Anthologie #poesie. Und die intensiven und verrückten Abende mit ihr auf der Talkshow-Bühne. So hätte ich nie gedacht, dass ich einmal als Esel oder Engel verkleidet einen Abend moderieren werde. Und erst die Gäste. Aus manchen sind wiederum Freunde geworden, Antonia Hausmann etwa, Posaunen-Virtuosin, mit der ich eine Musik-Lesung zu Und ich war da entwickeln durfte. Bis Corona kam, aber das wird irgendwann ausgestanden sein. 

Das Sachbuch StoryThinking brachte mich meinen Dr. Schiwago-Erlebnissen nahe und ich lotete aus, warum Geschichten der Resonanz-Faktor schlechthin sind. Auch in Unternehmen, in der Politik, im Sport. Mit diesem Konzept in der Tasche betrete ich gelegentlich nun Stiftungen, Unternehmen oder Vereine und lerne dadurch viele andere Kontexte kennen. Das hätte ich nie gedacht. 

So schließen sich Kreise, und doch ist nichts fertig und ich stehe immer wieder vor neuen Anfängen, und das ist noch immer ein großartiges und gleichzeitig ein erschreckendes Gefühl. Der nächste Roman soll bereits 2022 erscheinen, wieder bei Ullstein, wo ich mich sehr wohlfühle, und das wäre in meiner Zeitrechnung wahnsinnig bald, aber ich will es schaffen. Außerdem ist eine neue Kindergeschichte fertiggeworden, aus der hoffentlich ein Buch werden wird. Eine Musik-Tanz-Lesung ist daraus schon geworden, und ich hätte nie gedacht, dass ich mit Vorschulkindern einmal einen Emotionen-Tanz einübe und dabei so viel Spaß habe. 

Ein paar solcher DAS HÄTTE ICH NIE GEDACHT-Momente kann ich noch vertragen, denke ich, und ich bin gespannt, was noch kommen wird …

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Meine Wohnung ist voll von Büchern, die mir erlauben, zwischen ihnen zu leben.

– cees Nooteboom: Die folgende Geschichte