Immer weiter im Kreis?

Die Geschichte der Malerin und Modeschöpferin Helene Klasing. Die Geschichte ihres Neffen Alexander, der sich mit Helenes Hilfe seinen Lebensfragen stellt. Ein Familienroman, eine Generationengeschichte, die von Manhattan nach Mainhattan, von Brooklyn nach Offenbach, von Williamsburg nach Heusenstamm führt.

Tante Helene und das Buch der Kreise

Die Geschichte

Die Frankfurter Künstlerin Helene Klasing erfährt kurz vor ihrer Hochzeit in den frühen 1960er-Jahren, dass sie ein Adoptivkind ist. Ihre leibliche Mutter Margarethe ist eine Adlige, sie musste Helene in einem Nonnenstift zur Welt bringen und dort lassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist sie in die Vereinigten Staaten gezogen. Helene erkennt, dass ihr bisheriges Leben und ihre Familiengeschichte sich als Lüge entpuppen. Also versucht sie, gegen alle Widerstände ihren eigenen Weg zu gehen.Gemeinsam mit ihrer Freundin Heidi führt sie einen ermüdenden Kampf, sich als Künstlerin zu behaupten.

Nach Jahren der Suche kehrt Helene Frankfurt den Rücken und bezieht ein Haus in einer Kleinstadt. Dort will sie sich ganz ihrer Kunst und vor allem ihrem Lebensprojekt, dem Buch der Kreise widmen.

Dreißig Jahre später reist Margarethes Enkel Alexander aus New York nach Deutschland, um seine Tante Helene kennenzulernen. Alexander ist beeindruckt von ihrem Freigeist und ihrer Lebensfreude; er selbst fühlt sich nach dem frühen Tod seiner Mutter orientierungslos, obwohl er in der Firma seines Vaters arbeitet und dort auch eine Frau kennengelernt hat, an der ihm viel liegt. Die Begegnung mit Helene wird für Alexander wegweisend: Er muss sich entscheiden, ob er langfristig in die Firma des Vaters einsteigt oder eigene Wege geht.

Deutsche Zeitgeschichte und eine junge Frau, die gegen Widerstände ihren eigenen Weg als Künstlerin verfolgt

Leseprobe & Co

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Ullstein

Hardcover mit Schutzumschlag

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23 Euro

416 Seiten

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Erschienen am 3. Januar 2022

ISBN: 9783550201356

Helene stieg aufs Rad, und da war es wieder, dieses Gefühl, kaum genug Kraft zu haben, um in die Pedale zu treten; es nieselte leicht, der Tornister hing ihr wie ein Felsbrocken auf dem Rücken und zog sie nach hinten. Aber zurück: In diese Richtung wollte sie auch nicht. Wo sollte die Kraft herkommen, wenn es keinen Rückenwind gab, wenn alle nur alles für zweifelhaft hielten, wenn die Mutter zweifelte, wenn die Vermieterin zweifelte – und es gab ja sogar Lehrer an der WKS, Panasch allen voran, denen der Zweifel ins Gesicht geschrieben stand.
Sie war jetzt am Dreieich-Park vorbei, das Nieseln hatte aufgehört, Sonnenlicht brach durch, immerhin. Kaum, dass sie etwas wahrnahm. Tunneltag, das würde sie abends in ihren Kalender schreiben müssen, heute wieder ein Tunneltag, und diese Tage häuften sich.
Aber sie war nicht Monika, das war das Problem. Wer war sie? Und vor allem: War sie denn überhaupt gut? Hatte es also tatsächlich eine Berechtigung, sechs Semester auf die Werkkunstschule zu gehen? Oder war sie hochmütig, ein Gernegroß, litt sie unter der neuen Großfrausucht, von der zu hören war, oder war das alles nur ein Spleen, Mutters neues Lieblingswort, das wächst sich aus. Warst ja schon immer – das hast du vom Vater, der wollte auch etwas anderes – und so weiter.
Französisches Gäßchen, Schloßstraße, Baustellenlärm, takatatakatatak, verschwitzt war sie, fünf Minuten noch, dann würde Panasch durch den Kurs- raum gockeln, sein Gesicht nahm im Licht des Dia- projektors stets etwas Dämonisches an. Endstation Isenburger Schloss. Sie stellte das Fahrrad ab, wollte sich beeilen, aber es war wie in diesen Albträumen, in denen man nicht von der Stelle kam, fast war ihr, als würde sie die letzten Meter kriechen. Ein Kinder- wagen stand vor dem Kursraum, das bedeutete, das Zeichenmodell war da, und das war ein Lichtblick, denn es beruhigte sie, Heidi anzusehen, einen schönen Menschen vor Augen zu haben, dieses streng geschnittene Gesicht, die braunen kurzen Locken. Gleichzeitig spornte es sie an, ihre Skizze gut zu machen, dem Modell gerecht zu werden, und sie ging in den Unterrichtsraum, ließ sich auf einen Stuhl fallen, Tisch in der ersten Reihe, die waren bei Panasch immer frei. Der Meister hatte den Diaprojektor angeworfen und zeigte noch einmal Raffaels Sixtinische Madonna, die Farben des Gemäldes allerdings schon verblasst, aber es geht ja um den Ausdruck, die Dynamik, die Perspektive, und dann Projektor aus, Licht an, »alles wird besser, wenn man ein menschliches Modell vor Augen hat«, sagte Panasch. »Zumindest, wenn man über ein Mindestmaß an Talent und Verständnis verfügt.«
Das Modell drapierte das Tuch, »weil ja erst der weitgeschwungene Schleier die Kreiskonstruktion im Bildmittelpunkt vollendet«, das Kind allerdings gab Klagelaute von sich und wehrte sich nach Leibeskräften, es wollte nicht mit der Mutter in dieser stillen Haltung verbleiben. Und warum auch, heute war anscheinend alles in diesem Raum zu interessant, das Kind nicht müde genug wie bei den vergangenen Sitzungen, und schließlich kapitulierte Heidi und setzte es auf den Boden, wo es sogleich loskrabbelte, geradewegs auf Helene zu.
Panasch hatte seine Leichenbittermiene aufgesetzt, doch was sollte er machen, und Heidi war bis- her ein Glücksfall gewesen, denn sie war heute schon das vierte Mal im Kurs und hatte es damit bedeutend länger ausgehalten als die anderen Modelle. Panasch wies sie an, in ihrer Madonnenstellung zu verbleiben, damit nicht »alles für die Katz« sei, doch es war unübersehbar, wie schwer es ihr fiel, ruhig stehen zu bleiben und das Kind frei herumkrabbeln zu lassen. Ruhiger wurde sie erst, als es bei Helene auf dem Schoß landete, einen Stift greifen und hemmungslos über die weit fortgeschrittene Skizze krakeln durfte. Die Arbeit von drei Sitzungen war perdu, aber Helene wunderte sich, wie kalt sie das ließ, und auch das mochte an Panasch liegen, an seiner herrischen Art; wie er jemanden runterputzen konnte vor der ganzen Gruppe; wie er alle grundsätzlich erst einmal für Faulenzer und Zeitdiebe hielt (seiner Zeit natürlich), und es nur den allerwenigsten gelang, ihn vom Gegenteil zu überzeugen, und nur diesen wenigen offenbarte der Meister das ganze Geheimnis seiner Kunst. Was soll’s, dachte Helene, und selbst wenn Panasch sie auserwählt hätte, wäre sie ihm nicht gefolgt. Oder doch?

 

»In jeder Familiengeschichte gibt es mindestens eine besondere Frau. Helene Klasing, die Titelfigur von Martin Beyers neuestem Roman, ist so eine: eine ganz besondere!«

John von Düffel

Musik-Lesung mit Antonia Hausmann

Nachdem die Zusammenarbeit beim letzten Roman Und ich war da so großen Anklang gefunden hat, erarbeite  ich zusammen mit der Posaunistin Antonia Hausmann aus Leipzig zu Tante Helene und das Buch der Kreise wieder ein besonderes Zusammenspiel. Antonia Hausmann wird zu den Lesungen nicht nur Stücke spielen, sondern das Buch mit ihrem Instrument und mit ihrer Stimme auf ihre Weise erzählen.

Buchungsanfragen richten Sie gerne an den Verlag oder direkt an mich (siehe Kontakt).

Antonia Hausmann ist die Live-Posaunistin von Clueso und spielt in anderen Bands wie Karl die Große oder Trio. Diktion. Solo ist sie als Suntje bekannt und veröffentlicht 2022 mit ihrem Antonia Hausmann Quartett die erste Platte: Teleidoscope.

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