Und ich war da

Wie kommt es, dass der eine Widerstand leistet, während der andere zum Mitläufer wird?

Der Roman erschien im Herbst 2019 im Ullstein Verlag.

Tante Lena war nicht blind. Sie sah mit Sicherheit, dass ich in jeder freien Minute etwas in ein Hefterl kritzelte, dass ich Vögel zeichnete, dass ich die Namen von Pflanzen und Tieren lernte. Sie sah, dass ich rechnen übte; dass ich mir Schach beibringen wollte und dabei kläglich scheiterte; dass ich mir über Geld Gedanken machte und den Vater danach fragte, der wiederum mit dem Hinweis, das sei seine Sache, eine Antwort schuldig blieb. Sie sah, was mein Bruder da schnitzte; sie sah, mit wie vielen Bällen er jonglieren konnte; dass er Feuerspucken konnte; dass er onanierte; dass er eine Verliebtheit in den Augen hatte.

Sie sah das alles, auch woran wir litten, und am Abend vor ihrer Abreise fragte sie den Vater, ob sie uns nicht für ein paar Tage in die Heimat mitnehmen könne, auf den Hof des Großvaters in der Nähe des Städtchens Forchtenberg. Damit die Jungen bekannte Gesichter sähen, die alten Wege beschritten, sich erinnerten. Zwei, drei Tage nur, mehr nicht. Und dann der fatale Satz: »Damit sie nicht vergessen, dass sie eine Mutter hatten.“

Der nächste fatale Satz von ihr: „Großvater ist dir nicht mehr gram, er ist viel versöhnlicher in letzter Zeit.“

Da schlug der Vater mit der Faust auf den Tisch und brüllt: „Niemals! Und jetzt kein Wort mehr darüber.“

Der Nachhall des Faustschlags dröhnte noch in der Luft, da gab ich mir einen Ruck und warf ein: „Ich möcht’ aber gern, Vater. Und es sind doch nur ein paar Tage.“ Der Vater sah mich für einen Moment verwundert an, seine Gesichtsfarbe verdunkelte sich, dann zischte er, die Söhne sollten aufs Zimmer gehen. Sofort.

Am nächsten Tag war das Maifräulein fort. Ohne Abschied zu nehmen. Und am darauffolgenden Tag kam es zu jenem Aufeinandertreffen zwischen Vater und mir im Kuhstall.

Er lief auf mich zu, so schnell er mit seinem Hinkefuß laufen konnte; sein gewohnt gehetzter Arbeitsgang, er hätte genauso gut an mir vorbeigehen können, weil er noch den Bulldog reparieren, nach dem Vieh sehen oder etwas anderes erledigen musste. Er sagte kein Wort, ansatzlos schlug er mir in die Magengrube, ich knickte zusammen, dann packte er mich mit den Pranken, zog mich hoch, sagte nur: »Du widersprichst mir nicht mehr, nie mehr, hörst du?«

Er ließ mich los, benommen stand ich vor ihm und dachte, ich hätte es überstanden. Doch da flog die zweite Faust, diesmal schlug er mir ins Gesicht. Ich muss kurz bewusstlos gewesen sein; als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Boden neben einer Wasserlache. Es roch nach Stall, aber ich hatte die Spur eines anderen, sanften Geruchs in der Nase – der Waschzuber von Tante Lena. Vater war noch immer außer sich, wahrscheinlich auch darüber, dass ich so ein Schwächling war. Sicher hatte er es ursprünglich bei einer solchen Maßregelung belassen wollen, und ich werde diesen Blick von oben herab nie vergessen, diesen Blick in diesem kurzen Moment der Stille, in dem die Entscheidung fiel, dass er nicht von mir ablassen würde. Der Vater fing an zu treten, einmal gegen das Gesicht, mehrmals gegen den Brustkorb und gegen den Bauch; nach einer Weile floh mein Geist die Tritte, und ich spürte keinen Schmerz mehr.

Es war nicht schwarz um mich herum, und es war nicht weiß, es war kein Licht, und es war kein Schatten, es war nicht laut, und es war nicht leise, es war in allem ein Dazwischen, ein Friede, es war der Anflug der Idee, dass man die tägliche Mühsal auch hinter sich lassen konnte und dass es nicht schlimm war, denn es gab da jemanden, der einen aufnahm, der einem nicht böse war, der ohnehin schon alles gesehen hatte, was Menschen tun und sich antun können. Keinen Richter, es war kein Oben, und es war kein Unten, es gab kein Richtig, und es gab kein Falsch.

Die Geschichte

Ullstein | Hardcover mit Schutzumschlag

192 Seiten | 20 Euro

August Unterseher haben sich im Laufe seines Lebens viele Möglichkeiten geboten, sich gegen das Nazi-Regime zu stellen. Doch keine davon hat er genutzt. „Und ich war da“ ist die Geschichte eines Mannes, der hineinstolpert in die Dunkelheit seiner Zeit: erst in die Hitlerjugend, dann als Wehrmachtssoldat in den Russlandfeldzug. Und später, als Kriegsversehrter zurück auf dem Bauernhof seines Vaters, verdingt er sich als Henkershelfer der NS-Schergen bei den Hinrichtungen der Geschwister Scholl. Ein Mann ohne Eigenschaften, der am Ende seines Lebens zu verstehen sucht, weshalb alles so gekommen ist, weshalb er überlebt hat, wo andere gefallen sind, weshalb er zum Täter wurde, wo andere für ihre Ideale gestorben sind.

»Der Text ist rasant, irre gut konstruiert und von einer erzählerischen Kraft, die selbst ein von Instagram und Twitter zerfurchtes Gehirn nicht davon ablenkt, geradezu hypnotisiert durch die Kapitel zu rauschen.«

  • Tomasz Kurianowicz, DIE ZEIT