Mörderballaden

13 vielfältige Krimigeschichten, 13 packende Erzählungen, 13 reinigende Balladen

Der Erzählband erschien im Frühjahr 2013 im asphalt & anders Verlag

Komm schon, berühr die Sonne

What’s the point if you hate, die and kill for love. What’s the point with a love that makes you hate and kill for. José Gonzales: Killing For Love

Der Beiwagen klappert, als ich über vertrockneten Kuhdung rolle. Ich fahre am Meer entlang, die Abendsonne löst sich bald auf. Was sie mir nicht nehmen können, ist die Freude an diesem Land. Es ist ohne Höhen und Tiefen, das liegt mir, entspricht irgendwie meinem Naturell. Die Wolken sind dem Boden so nahe, dass man fast mit dem Kopf dagegen stößt. Es ist sehr leicht, unter diesen Umständen ein Träumer zu werden.
Die Dämmerung ist eine gute Zeit, ich sehe eine verlockende Dunkelheit am Ende des Weges. Wenn ich jetzt Gas geben könnte! Aber ein altes Motorrad- gespann ist kein Rennauto. Brav lenke ich das Gefährt ins nächste Dorf, mein Fahrgast wird schon auf mich warten. Der Beiwagen ist ein denkbar ungeeignetes Fahrzeug für Herrn Petermann, dennoch wird er sich wieder hineinzwängen. Auch ihm fehlt das Geld für Veränderungen.
Ich passiere das Ortsschild, die ersten Häuser ziehen vorbei, und als hätte ich einen Dämon heraufbeschworen, steht er plötzlich am Straßenrand. Er zeigt sein Krokodillächeln, winkt mit der rechten Pranke. Ich halte an, Herr Petermann bewegt sich schnaufend auf mich zu. Mein Manager wirkt wie ein Weinfass, doch er hat noch immer diesen Hüftschwung drauf. Er stemmt die Arme in die Seiten, drückt seinen Schmerbauch heraus und pendelt hin und her. Als hätte er ein Lied im Ohr. Ein Lied, das er selbst ganz groß herausgebracht hat, versteht sich.
»Heute ist ein guter Abend«, brüllt er. »Bingo, sag ich, Bingo!«
»Soll heißen, Sie haben gewonnen?«
»Ich? Nein, die andern sind einfach schneller. Aber ich habe mit Ron gesprochen, er sucht dringend einen Musiker für das Flussfest morgen Abend. Rate mal, wer abgesprungen ist!«
»Woher soll ich das wissen?«
»Jedenfalls: Ich habe dich ins Spiel gebracht, mein Junge, die Sache ist so gut wie ausgewürfelt. Das könnte dein großes Comeback werden. Du solltest dich sofort an die Gitarre setzen und spielen. Spielen, mein Junge, denn in allen Dingen schläft ein Lied. Erinnerst du dich nicht?«
Ich steige vom Motorrad, der Schmerz im Rücken macht sich sofort bemerkbar. Ich gebe ihm die Hand, dann führe ich ihn zum Beiwagen. Herr Petermann bricht allein beim Anblick dieser Hürde in Schweiß aus, überhaupt riecht er wieder streng. Was ist nur aus ihm geworden, denke ich. Von mir will ich gar nicht anfangen.
Den ersten Schritt hat er geschafft, er stöhnt, jetzt den zweiten. Eigentlich muss er sich nur noch in den Sitz fallen lassen, sein fahrbarer Thron wartet auf ihn.
»Das Flussfest ist doch eine abgestandene Sache«, behaupte ich.
»Sei nicht so empfindlich. Damit hat es angefangen. Und mir nichts, dir nichts warst du ganz oben in den Charts. Bingo!« Petermann muss husten.
»Die Dinge lassen sich nicht wiederholen«, sage ich.
Wieder muss er husten, sein im Vergleich zum Körper winziger Kopf läuft rot an.
»Keine Widerrede, Junge. Du willst mich doch nicht enttäuschen!« Er winkt ab, und ich hieve mich selbst wieder auf das Motorrad. Der Schmerz ist kaum auszuhalten.
»Nimm die Küstenstraße!«, befiehlt er, als wären wir jemals auf einer anderen Straße gefahren. »Und: Du solltest dir auf jeden Fall die Haare schneiden las- sen, bevor du beim Flussfest auftrittst.«
»Die Haare schneiden lassen? Welche Haare?«
»Ein Scherz, mein Junge. Ein Scherz. Aber Humor ist ja nicht deine Sache. Was hat eigentlich der Arzt gesagt?«
»So wie es aussieht, hat die Bestrahlung diesmal gut angeschlagen. Ich darf nur nichts Schweres heben momentan.«
Herr Petermann fängt an zu lachen. »Wenn das alles ist! Nun, für die Gitarre wird’s schon noch reichen. Für die wird’s schon noch reichen.« Wieder winkt er ab, und ich fahre los. Die Küstenstraße, eine Fahrt auf dem Grenzstreifen. Jeden Tag rolle ich sie entlang, wie ein rastloses Gespenst. Man hat das Meer vor Augen, den Fluchtweg, und keine Möglichkeit, ihn zu betreten. Ich habe schon verstanden, dass die Wellen einen Zweck haben. Wie die Buchstaben eines Alphabets. Aber was sie sagen wollen, welche Botschaft sie haben? Ich weiß es nicht … ich bin nur ein Sänger.
Ich kann ihn gerade noch erkennen, Herrn Petermann im Seitenwagen, sein kleiner Kopf in der Dämmerung, der Wind trocknet das schweißnasse Haar. In seinen Augen glimmt das Feuer. In meinen Augen glimmt das Feuer. Und wir müssten eigentlich dank- bar sein, denn es ist nur diese eine Erinnerung, die uns heimsucht, die uns zusammenbindet mit einem ziemlich dicken und endlosen Seil.
Das Feuer, vor zwanzig Jahren, sein Haus stand in Flammen. Ich habe den Gestank noch immer in der Nase. Sonja Petermann im Hochzeitskleid, bei der Anprobe. Die Leute sagen, wir wären ein schönes Paar geworden. Eine verkohlte, schwarze Tür, die lose in den Angeln hängt, das ist schon alles, die anderen Zimmer bleiben mir verschlossen. Was sehe ich? Das kochende Fleisch löst sich von ihren Knochen, als hätte es sich verflüssigt. Dieser Blick von ihr, Erstaunen, Entsetzen. Warum hilft er mir nicht? Ich stehe auf der Schwelle und glotze nur auf die Flammen, bin zu feige, mich in das Feuer zu werfen. Bin zu feige, durch diese Tür zu gehen. Sonja, Petermanns Tochter, meine Braut, sackt zusammen. Ich zögere noch immer, bin wie gelähmt. Ein aufstrebender Sänger darf keinen Makel haben, geht es mir durch den Kopf. Und diese ganze Sache ist doch sowieso nicht – wie soll man es nennen? Richtig, vielleicht. Dann werde ich zur Seite gestoßen von einem Mann, der schreiend in das Feuer geht, um sein Kind zu retten. Herr Petermann wäre dabei beinahe selbst gestorben. Seine Haut ist verbrannt, sein Gehör hat gelitten. Nur seine Augen sehen schärfer denn je. Mir hat er nie einen Vorwurf gemacht, die Ärzte sagten, ich stand unter Schock. Ich konnte mich gar nicht bewegen. Und irgendwann habe ich angefangen, es zu glauben. Wir leben in einer selbst gemachten Hölle. Das ist schon alles.
Die Strafe für meine Feigheit bestand darin, dass ich von da an beinahe jeden Tag sein Gesicht sehen musste. Die vielen Narben in der rechten Gesichtshälfte, die Reptilienhaut, der Mund zu einem ewigen Lächeln verzogen. Das Krokodillächeln von Herrn Petermann.
Ich sehe eine Dunkelheit am Ende des Weges, da ist schon das Haus. Aus der Ferne, wenn man es für einen Schatten hält, macht es noch immer Eindruck. Argo Musik-Kneipe. 200 Meter. Ein Haus, direkt am Meer, auf Stelzen erbaut. Es sieht aus wie ein eingedocktes Schiff. Willkommen in meinem Hausboot, meiner einzigen Einnahmequelle. Zerfressen vom Wind, vom Meer, vom Holzwurm. Hier wohnt er, Joe Brown, der einstmals berühmte Sänger, Gewinner des Echos. Komm schon, berühr die Sonne, ein Lied für die Ewigkeit. Dieses Lied hat ihn unsterblich gemacht. Trinken Sie einen Kaffee mit dem Künstler, oder besuchen Sie für weitere Informationen seine Homepage. Ein Hit ist nicht genug. Ein Hit am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen. Ich möchte sterben.

*

Immerhin, sie haben alles festlich erleuchtet. Die Bühne steht direkt am Flussufer, bunte Lichter über- all, Girlanden flattern im Wind. Es haben sich sogar ein paar Leute eingefunden. Kinder flitzen durch die Menge, es riecht nach Bratfisch. Ron steht viel zu lang auf der Bühne und erzählt seine Witze. Endlich fällt mein Name. Ich steige zu ihm hinauf und gehe zum Mikrofon, die Scheinwerfer blinken, als würden sie sich darüber freuen.
»Welches Lied wird er wohl zum Besten geben?«, fragt Ron süffisant.
Ich verziehe das Gesicht und spiele den ersten Akkord, es juckt mich unter der Perücke, ich würde mich gerne kratzen. Früher wäre ein Raunen durch das Publikum gegangen. Heute höre ich ein Grunzen, eine Bierflasche fällt zu Boden. Die Tatsache, dass ich meist nur dieses eine Lied spielen musste, hat allerdings nicht nur Nachteile. Ich habe jegliche Nervosität verloren. Ich kann alles wahrnehmen, während ich wie eine Schlagermaschine meinen Dienst erledige. Komm schon, berühr die Sonne. Ich höre das mechanische Klacken meines Kiefers, merke, wie sich das Teilgebiss zu lösen versucht. Als ich dieses Klacken das erste Mal bemerkte, habe ich mir geschworen, nie wieder zu singen. Aber offenbar stört es keinen, oder alle denken, es handle sich um einen Mikrofonfehler. Ich erkenne einzelne Gesichter vor der Bühne, Herrn Petermanns garstige Fratze. Hat er wirklich noch Erwartungen? Hoffnungen? Glaubt er immer noch an den Erfolg? Man muss Mitleid mit ihm haben.
Und dann ist es schon vorbei, ich verneige mich. Es wird geklatscht, so ist es brav. Ron komplimentiert mich von der Bühne, es wird endlich Zeit für den Höhepunkt des Abends. Ein Mädchenchor singt ein Lied. Da wird die Sau geschlacht’! Die Sau! Da wird die Wurst gemacht! Die Wurst! Im schönen, herrlichen Holsteinland!
»Ich mag Ihre Stimme«, sagt jemand, als ich von der Bühne bin. Ich drehe mich um, eine Frau steht vor mir. Wiederkäuende Ereignisse, doch immerhin, das ist mir seit Jahren nicht mehr passiert. Sie ist vielleicht vierzig, etwas verhuscht, blondes, struppiges Haar. Sie trägt ein dunkles Kleid, duftet nach Lotusöl. Vielleicht hat sie es wegen mir aufgetragen, denn meine Fans wissen, dass ich mir damit immer die Schläfen ein- reibe, um meine sogenannte Kreativität zu wecken. Jetzt zeigt sie auf meine Hand und sagt: »Sesam, öffne dich!« Ein altes Ritual, ich strecke ihr die Handfläche entgegen und bekomme ein Geschenk. Ich muss lachen, als ich sehe, was es ist: eine blaue, rautenförmige Pille.
»Oh, nein danke!«, sage ich. »Ich brauche sicher ein anderes Medikament, um mich auf dieses Experiment einzulassen.«
Sie sieht mich an. Ich erwarte einen gekränkten Gesichtsausdruck, ein Kopfschütteln, Empörung, Un- glaube. Und schließlich einen Abgang, schnaubend. Aber sie lächelt nur, nimmt sich die Pille wieder und sagt beim Gehen: »Na dann. Alles Gute, Opa!«
Ich bin erleichtert, nachdem ich das Angebot sentimentaler Erlösung abgelehnt habe. Die Brunst, was interessiert sie mich noch. Ich muss nicht mehr vor dem Spiegel stehen und mein bestes Stück bewundern. Ich habe das immer als Befreiung empfunden. Was wirklich geschmerzt hat, das war der Verlust der Sehnsucht. Wenn die wegbleibt, dann ist es irgendwie spät geworden.
Herr Petermann kommt auf mich zu, er wirkt unzufrieden, das versteht sich. »Keine Folgeaufträge bisher, mein Junge, komm, lass uns fahren. Mal sehen, was morgen in der Zeitung steht. Da wird das Telefon schon bimmeln. Bingo, sag ich.« Er klopft mir auf die Schulter. »Nimm die Küstenstraße!«
Wir fahren zum Stelzenhaus zurück. Es ist wirklich spät geworden. Als wir da sind, versucht Herr Petermann, aus dem Seitenwagen zu klettern, doch er ist noch unbeweglicher als ich. Jetzt muss er ein paar Stufen nehmen, die Stufen hinauf in die Musik-Kneipe, in den fauligen Rumpf des Schiffes. Sein Stammtisch wartet auf ihn.
»Darf ich das nächste Mal unter meinem richtigen Namen auftreten?«, frage ich so beiläufig wie möglich. Ebenfalls ein altes Ritual.
»Machst du Witze? Wie oft habe ich dir schon gesagt: Auch wenn es nur noch fünf Leute unter diesen vollgeschissenen Wolken gibt, die Joe Brown kennen, es sind immer noch fünf Leute mehr als die, die einen gewissen Kowalczyk kennen. Vor allem: die einen solchen Herren kennen wollen. Glaub mir.«
Herr Petermann schwankt nach oben, als müsse er gegen starken Seegang ankämpfen. Er ist schon wieder schweißgebadet, er keucht und stinkt zum Himmel. Ich sage nichts, ich will ihn nicht weiter anstacheln. Wir betreten den Gastraum. Von den zehn Tischen sind immerhin zwei besetzt. An einem sitzen zwei kichernde Frauen, die nicht mal daran denken, rot anzulaufen, als ich das Zimmer betrete. Sie sind nicht wegen mir da. Am anderen Tisch hockt ein alter Mann mit Sonnenbrille und weißem Haar. Er nickt mir viel- sagend zu, ich kenne ihn aber nicht. Marie ist da, meine Wirtin, sie kümmert sich um die Kneipe – sie kümmert sich um alles.
»Wir hatten einen Auftritt, Kinder! Lasst die Kor- ken knallen!« Der schwerhörige Herr Petermann brüllt wieder. Er ist zu Atem gekommen.
»Die knallen von ganz allein«, sagt Marie. Vielleicht ist sie ein weiser Mensch, wenn es das überhaupt gibt. Petermann setzt sich hin und nimmt seinen leeren Stammtisch in Beschlag, auch heute wird er wieder einsam bleiben. Marie bringt ihm wie immer gleich zwei Flaschen, die erste trinkt er in einem Zug aus.
»Bingo«, sagt er. Dann scheint er mich endlich zu vergessen.
Ich setze mich an einen Tisch und starre auf die Gitarren an der Wand. Daneben hängt die gerahmte Urkunde für den Echo, der alte Lappen. Ein Staubfänger, Edelmüll. Petermann ist derweil mit der zweiten Flasche fertig und verliert sich in seinem allabendlichen Stumpfsinn. Der Kopf ist purpurrot angelaufen, Tränen sickern aus seinen Augen. Er schweigt.
Mir reicht es für heute, vielleicht reicht es mir für immer. Ich nehme eine Gitarre von der Wand und will verschwinden. Es ist meine Lieblingsgitarre, die von früher. Als ich Petermann nicht kannte und seine Tochter nicht meine Braut war. Die Grüne-Lieferwagen-Zeit, ich hatte mich noch nicht sonderlich schul- dig gemacht damals, hatte kaum einen Verrat begangen. Fahrten durch Europa, kleine Konzerte, ein Zigeunerleben.
Marie und Herr Petermann sehen mich in diesem Augenblick ungläubig an.
»Was ist?«, frage ich. »Habt ihr noch nie Joe Brown mit seiner Gitarre gesehen? Nicht irgendeinen daher- gelaufenen Sänger, sondern den einzigen, den wahren Joe Brown mit seiner Gitarre?«
»In deinem Alter sah ich noch wie ein Halbgott aus!«, höhnt Herr Petermann.
Ich nicke Marie zu, ein letzter Rundblick, als würde ich einen Beweis benötigen. Dann bin ich unten, dort der Nachthimmel, hier das Meer. Wenn das Wasser jetzt übertreten, wenn die Wanne jetzt auslaufen würde, ich könnte mein Schiff noch einmal auftakeln. Das Meer ist jedoch still, es ist dunkel. Das ist schon alles.
Unter dem Hausboot, unter dem verfaulten Rumpf befindet sich mein kleines Lager. Ein Stuhl, auf dem ich sitze und Gitarre spiele. Eine verschimmelte Matratze, auf die ich mich legen werde, wenn es Zeit ist. Ich zünde ein paar Kerzen an, nehme auf dem Stuhl Platz. Ich zupfe eine Saite an. Ich spiele einen Akkord. Komm schon, berühr die Sonne. Kein Lotusöl der Welt wird mir helfen, dieses Lied zu vergessen. Die Leute sagen: Alles, was man braucht, ist ein moderates Haus in einer moderaten Nachbarschaft. Wie aber soll man zu dieser Erkenntnis kommen, wenn man sein Leben lang durch ein mit Nieten verschlossenes Bullauge geschaut hat? Das verzerrt alles. Das gibt einen bösen Blick, einen Fischblick. Da nehme ich doch lieber die Matratze. Da schließe ich lieber die Augen. Und ich halte es für eine überzeugende Idee, sie nie wieder aufzumachen.
Ich lehne die Gitarre an den Stuhl und lege mich hin. Die Matratze ist klamm, das wird den Rücken- schmerz freuen. Ich halte die Augen geschlossen und hoffe, dass du mich besuchen wirst, und tatsächlich, nach einer Weile liegst du neben mir und siehst mich an. Sonja. Wie früher. Wildes Otterhaar. Dunkle Augen. Lippenstift. Wirst noch immer jonglieren, parlieren und irritieren mit deinem Zigeunerblick. Kein Wunder, dass sie Angst vor dir hatten. »Gravität«, hast du immer behauptet, »Gravität ist alles.«
Doch jetzt sagst du: »Alle schönen Dinge kommen wieder! Was ist schon dabei, wenn du hasst und tötest und stirbst für die Liebe?«
Ich muss lachen. Ich halte die Augen geschlossen, lache und antworte nichts.
Und du sagst: »Du hast mich verraten. Aber ich habe dir längst vergeben, Geliebter. Du konntest nicht anders, es entspricht eben deinem Naturell.«
Ich muss lachen, der alte Mann muss noch immer lachen. Du streichst mir das Haar aus dem Gesicht, dann ziehst du mir die Perücke vom Kopf. Du küsst mich auf die Glatze. Dann bist du verschwunden.
In diesem Augenblick beginnen die Tränen zu fließen, aus dem Lachen ist ein Weinen geworden. Ich habe die Augen noch immer geschlossen. Sage nichts. Ich höre ein Knacken im morschen Gebälk meiner Kneipe. Ich höre Motorenlärm, ein helles Licht kreist durch die Nacht. Das Schiff knackt und kracht. Rufe erschallen, mein Name, mein richtiger Name. Der erste Balken, mit dem das Schiff eingedockt wurde, zersplittert. Gleich darauf der zweite. Der Mann, der unter dem Schiffsrumpf liegt, fängt an zu singen, ganz leise.
»Komm schon, berühr die Sonne!«, singe ich, weil ich es immer gesungen habe.
Noch ein Balken zerbricht, das Schiff senkt sich weiter ab. Die Leute ganz in der Nähe, sie rufen, Hunde bellen. Es dauert nicht mehr lange. Noch ein Balken bricht. Sonjas Gesicht tanzt plötzlich wieder vor meinen Augen. Ganz nah. Ihr Erstaunen, ihr Ent- setzen.
»Warum hilft er mir nicht?«, fragt sie.
Das Schiff gibt nach, stöhnend und knurrend. Doch es gibt nach.
»Ich darf nichts Schweres heben«, sage ich leise vor mich hin. »Dieses Schiff hier werde ich nicht mehr tragen können.«

Für G3

Der Erzählband

asphalt & anders Verlag | Klappenbroschur

176 Seiten | vergriffen (gebraucht erhältlich zum Beispiel über ZVAB) 

Wie einst Nick Cave in seinen Murder Ballads besingt Martin Beyer his­torische, fiktive und mythische Mordtaten: von der Hinrichtung des chilenischen Sängers Víctor Jara bis hin zu einer orpheushaft misslungenen Geiselübergabe. Dabei nimmt er mal die Perspektive des kaltblütigen Täters ein, mal die des verzweifelten Opfers oder auch die der trauernden Hinterbliebenen. Der Leser hat die Wahl, auf welche Seite er sich stellt: auf die des Opfers oder auf die des Mörders – oder ob er Zuschauer bleibt. 13 vielfältige Krimigeschichten, 13 große Erzählungen, 13 reinigende Balladen.

»Wenn es ein Regal für ‚aufregende Literatur‘ gäbe: Da wäre Martin Beyers Platz!«

  • Fränkischer Tag