durch ein teleidoskop betrachtet

Mit diesen Kurzgeschichten antworte ich auf drei Lieder des neuen Albums Teleidoscope von Antonia Hausmann. Erzähle von fernen und nahen Zeiten, von drei außergewöhnlichen Tieren, vom Licht, vom Krieg, von der Musik und einigen Moossorten. Erhältlich nur hier direkt über mich oder bei unseren Auftritten. Am besten direkt im Bundle mit dem großartigen Album.

Tante Helene und das Buch der Kreise

Die Geschichten

Die Welt ist eine andere, wenn wir sie durch ein Teleidoskop betrachten. Alles, was wir in den Fokus nehmen, kommt in eine neue, in eine sinnliche Ordnung. Eine Ordnung, in der die Farben dominieren.

Die Posaunistin und Komponistin Antonia Hausmann aus Leipzig liebt das Spiel mit den Klangfarben. Auf ihrem Debütalbum Teleidoscope  (nWog Records) ermutigt sie uns, die Perspektive zu wechseln und die eigene Wahrnehmung immer wieder aufs Neue zu hinterfragen. Ein solcher Perspektivwechsel ist auch unsere Zusammenarbeit. Von ihrem Album inspiriert habe ich drei Kurzgeschichten geschrieben, die jeweils in einen Dialog mit einem der Lieder treten. Teleidoskopartig sind die Geschichten außerdem durch bestimmte Motive – außergewöhnliche Tiere, Licht, Krieg, Musik – miteinander verwoben und entführen in unterschiedliche Zeiten. Das entstandene Büchlein ist der kleine Bruder zum großen Album – am besten zusammen zu genießen.

So kann man sich diese Musik vorstellen – als Sammlung von Arten, das Leben auf neue Art anzusehen. Mit jedem Song wieder anders. Denn das Album klingt mal verspielt, mal mächtig, mal rätselhaft, und das alles wird von dieser eindringlichen, feinen Posaune zusammengehalten. (FAZ)

Leseprobe & Co

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Teleidoskop – Drei Erzählungen

Broschur mit Klammerheftung, 32 Seiten, im Format der legendären Poesiealben

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Möglichkeiten

solo: 7,50 Euro inkl. Versand

zusammen mit der CD: 20 Euro inkl. Versand

zusammen mit der LP: 30 Euro inkl. Versand

Der Lauscher

(nach dem Lied Luž)

Der Vater war längst in den Zug gestiegen. Das Mädchen fand kein Hosenbein mehr, an dem es sich festhalten konnte. Es gab überhaupt keine Hosenbeine mehr am Bahnsteig. Nur noch schwarze oder graue oder braune Röcke, mit denen der Wind spielen konnte, die gaben wenig Halt. Wenig im Vergleich zum festen rauen Stoff der Uniform. Die Frau hatte das Mädchen zurückhalten müssen, sonst wäre es dem Vater hinterhergesprungen. Jetzt war es dafür zu spät, es gab ein zischendes Geräusch, ohrenbetäubende Rufe, Räder, die sich in Bewegung setzten, angetrieben von einem schwarzen Koloss, ta-tak, ta-tak, und dann das laute Signal der Dampfpfeife.

Dampfpfeife, ein schönes Wort.
«Achte auf die Dampfpfeife», hatte Vater gesagt, «und wenn du sie ein zweites Mal hörst, dann komme ich wieder zurück.» Sonst hatte er nichts gesagt. Nein, das stimmte nicht. Er würde sich freuen, wenn das Mädchen die Frau «Maminka» nennen könnte. «Tue es mir zuliebe, Lenka!» Nein, das würde sie nicht tun, dieses eine Mal würde sie dem Vater nicht gehorchen.
Maminka war ein noch viel schöneres Wort. Vielleicht das schönste Wort überhaupt, und Lenka würde es zu niemandem mehr sagen, das hatte sie sich geschworen. Juro war ihr Zeuge gewesen. Er hatte sogar noch einmal nachgefragt: «Zu keiner Menschenseele, bist du sicher?» – «Zu keiner Menschenseele.»
Die Fenster der Wagen waren geöffnet, unzählige Köpfe zogen vorbei, die zu lauter fremden Männern gehörten. Mit der einen Hand hielten sie ihre Kappen fest, mit der 
anderen winkten sie. Sie konnte Vater nicht erkennen. Die Frau, die sie niemals Maminka nennen würde, nahm sie bei der Hand. Ihr Griff wurde fester und fester, je weiter sich der Zug entfernte. Die Röcke um sie herum bewegten sich nicht mehr; sogar der Wind hatte aufgehört, mit ihnen zu spielen. Vielleicht hatte jemand die Zeit angehalten. Das war möglich, sie hatte davon gehört. Und war es nicht das, was sich alle hier wünschten? Dass der Zug stehen bleiben, dass er nicht davonfahren würde? Sie war sich sicher: Niemand hatte es sich fester gewünscht als sie.

Doch in Wirklichkeit fuhr der Zug weiter, immer weiter, und es stimmte also gar nicht, dass das Wünschen half. Es war reine Zeitverschwendung. Der Griff wurde noch fester, die Frau tat ihr weh. Das Mädchen löste sich und ging ein paar Schritte zur Seite, anscheinend war sie außer dem Zug die Einzige, die sich noch bewegen konnte! Aber auch das stimmte nicht. Ein Vogel landete auf einem Geländer und drehte seinen Kopf in hektischen Bewegungen hin und her. Das Mädchen trat näher. Da konnte sie seine Rufe vernehmen. Sie hatte solche Vogelrufe noch nie gehört. Sie klangen wie eine kleine, freundliche Melodie, eine Tonfol ge, die sich beständig wiederholte und die sie sich unbedingt merken wollte.

Das Tier hatte einen schwarzen Kopf, am Hals war das Gefieder weiß, ansonsten war es gelb bis auf die Flügelspitzen und den Schwanz, wo sich das Gelb verdunkelte und aschfarben wurde. Der Schnabel war schwarz und kräftig, doch das Wunderlichste war, dass der Vogel am Kopf ein Paar heller spitzer Ohren zeigte. Hatten Vögel denn überhaupt Ohren? Aber ja doch, natürlich, dachte sie, allerdings waren sie nicht sichtbar. Bei der Eule vielleicht, aber dieses Geschöpf sah nicht wie eine Eule aus. Lenka musste einen Namen für dieses gelb-schwarze Wunder finden, und ihr fiel nichts anderes ein, als ihn wegen der Ohren «Lauscher» zu nennen. Der Lauscher erhob sich wieder in die Luft, nahm einen weiten Bogen, nur um einen Augenblick später kaum mehr als eine Armlänge vor ihr zu schweben, mit schnellen Flügelschlägen, und wieder ließ er seine merkwürdige Melodie ertönen. Nein, sie würde den Lau- scher nicht aus den Augen lassen, und da sich die Frau an ihrer Seite noch immer nicht rührte, war dafür noch Zeit. Wie er fliegt, dachte sie. Wie seltsam. Mal stand der Lauscher eine Weile in der Luft, dann sahen seine Flügel wie Schmetterlingsflügel aus, mal schoss er schräg nach links oder nach rechts, die Flügel bewegten sich so schnell, dass sie nicht mehr zu erkennen waren. Das Gelb der Federn schimmerte, es war ihr, als könnte das Tier aus sich heraus leuchten, ein kleines fliegendes Licht, das ihr den Weg wies. Aber wohin?

Musik-Lesung mit Antonia Hausmann

Nachdem unsere Zusammenarbeit bei den Romanen Und ich war da und Tante Helene … so großen Anklang gefunden hat, werden wir auch mit Teleidoscope/Teleidoskop zusammen auf der Bühne stehen, in unterschiedlichen Konstellationen. Die Termine finden sich im Kalender.

Buchungsanfragen richten Sie gerne direkt an mich (siehe Kontakt).

Antonia Hausmann ist in den Welten verschiedener Musikrichtungen zuhause: Pop und Indie (Clueso, Karl die Große, Kat Frankie), Songwriter (Sarah Lesch), Elektronische Musik (Wooden Peak, Philipp Rumsch Ensemble) und Jazz (Trio.Diktion, Volker Heuken Sextett). Für das Album Teleidoscope bekommt sie zusammen mit ihrer Band großes Lob medial und auf den Bühnen dieses Landes. 

www.antoniahausmann.com