Titus und der verwunschene Wald

Quadratisch & schön ist dieses von Mirjam Zels liebevoll illustrierte Kinderbuch. Beliebte Märchen werden weitergedacht: Was ist aus Rapunzel & Co. geworden? In begleitenden Workshops werden Kinder werden zu Märchenexperten ausgebildet.

Das Kinderbuch erschien 2016 in der Märchenakademie, eine Kooperation der Universität des Saarlandes und Martin Beyer (der sich hier als Autor Theodor Serapion nennt)

Ich erspare dem geneigten Leser das nachfolgende Streitgespräch und verkünde lieber, dass Titus und Rabea mittlerweile nicht nur weit, sondern bedrohlich weit in den äußerst gefahrenvollen tiefen dunklen wilden verwunschenen Wald spaziert sind. Geräusche sind zu hören, die beiden eine ordentliche Gänsehaut bescheren würden, würden sie denn lauschen und nicht streiten.
Maden, Motten, Mücken und Reptilien gehen ihrer Lieblingsbeschäftigung des Fressens und Gefressenwerdens nach, der Uhu schickt seinen unheimlichen Schrei in die Nacht. SCHUHU! SCHUHU! Es knirscht und knackt und knarrt und knorzt und knurpst hinter den Büschen und Bäumen und Sträuchern und Farnen. Es ist, wenn ich ehrlich bin, sogar mir ein bisschen unheimlich zu Mute!
Gut, dass die beiden Punkt Mitternacht an ein Häuschen kommen, das ihnen hoffentlich eine Herberge für die Nacht bieten wird. Drinnen brennt jedenfalls noch Licht, und erst als Titus an die Tür klopft, bemerkt er, dass mit diesem Haus etwas nicht stimmt.
„Die Tür ist ganz klebrig“, sagt Titus.
„Das ist ja Zuckerwatte, lecker!“
„Hier, der Fensterrahmen, das sieht nach Lebkuchen aus.“ Titus schnuppert. „Mmmmhh. Das riecht auch wie Lebkuchen.“ Titus schmatzt. „Das IST Lebkuchen!“, mampft Titus. „Lecker!“
„Und schau mal, was aus dem Schornstein geschossen kommt. Das ist Popcorn!“ Rabea sammelt ein paar der weißen Geschosse auf und schiebt sie sich in den Mund.
Als der Märchenlehrling den Lebkuchen verdrückt hat, sagt er: „Das erinnert mich an eine Geschichte, die ich kenne. Da gibt es ein solches Haus, und dieses Haus, dieses Haus …“ Titus wirkt auf einmal sehr ängstlich (auch wenn er das nicht gerne hören wird). „Dieses Haus ist …“ Rabea und Titus schreien zusammen:
„… das HEXENHAUS!“
In diesem Augenblick quietscht eine Türe und ein schlaksiger Mann kommt heraus. Er trägt einen kunstvoll gezwirbelten Schnurrbart, hat einen roten Anzug am Leib und wirkt, als wäre er aus dem Zirkus geflohen.
„Heidewitzka! Da sind sie ja, die neuen Interessenten!“ Der Mann hüstelt und tänzelt lockerflockig ein paar Schritte auf Titus und Rabea zu. „Sie kommen einen strammen halben Tag zu spät. Oder einen halben Tag zu früh; ganz, wie Sie es lieber hätten. Aber was soll’s, was soll’s, Stanislaus arbeitet auch in der Nacht, wenn es drauf ankommt.“ Wieder hüstelt der Mann, es soll offenbar vornehm wirken. „In der Tat: Um ein Haus zu verkaufen, tanzt Stanislaus sogar mit einem Braunbären oder sogar mit dem Rumpelstilzchen. Obwohl, mit dem lieber nicht.“
„Äh …“, sagt Rabea.
„Könnten Sie vielleicht …“, ergänzt Titus.
„Ja, bitte?“ Schon wieder dieses entsetzliche Hüsteln.
„Könnten Sie uns vielleicht verraten, wer Sie sind?“, bringt Titus
endlich heraus.
„Aha, Sie lieben es förmlich, mit allem Pipapo, nicht wahr? Natürlich, natürlich, auch damit weiß Stanislaus umzugehen, er ist ein Meister der Etikette, des Rituals und selbstredend des gepflegten Sprichworts …“
„Reden Sie immer so viel?“, fragt Rabea, die ihren Mut wiederge- funden hat. „Und wer zur Bachstelze ist dieser Stanislaus?“
„Das bin ich. Gestatten, mein Name ist Stanislaus McKimsey, ich bin Notar, Sachverwalter, Erbschaftspfleger Ihro Gnaden von und zu diesem Lebkuchenhaus. Ihro Gnaden ist gemeinhin auch als DIE HEXE bekannt.“

Die Geschichte

Märchenakademie | Hardcover

160 Seiten | fast vergriffen (bestellbar über Mail an info@maerchenakademie.de) 

Schreck und Schauder: Die verwunschenen Wälder rund um die Märchenakademie in Grimmelsbergen bergen viele Geheimnisse. Titus Haselschein, Schüler dieser Märchenakademie, ist nicht gerade begeistert, als er in seinem dritten Lehrjahr ausziehen muss, um in den Wäldern viele spannende Abenteuer zu erleben. Und benotet werden seine Erlebnisse auch noch! Gut, dass er mit der Elfe Rabea Wintergrün eine Verbündete findet, allerdings eine ziemlich freche und streitlustige. Gemeinsam ziehen sie los und treffen auf viele bekannte Märchenfiguren. Warum hat Rapunzel kurze Haare? Ist der Böse Wolf vielleicht gar nicht mehr böse? Und was führt eigentlich das Rumpelstilzchen schon wieder im Schilde? Für Titus und Rabea beginnt eine aufregende Reise, nach der nichts mehr so ist, wie es vorher war.

»Unsterblich bis zum heutigen Tag«

  • Süddeutsche Zeitung